Gelassenheit in der Erziehung

Dafür plädiert Remo Largo:

Erziehung? Largo sagt: Ziehen – wohin?

Das enzyklopädische Wissen dieser vielbeachteten Langzeitstudien bildet den Grundstock von Largos Büchern: Wie lernen Kinder laufen? Wann fangen sie an zu sprechen? Wie verändern sich Schlafbedürfnisse? Wie viel Geborgenheit brauchen sie? Auf welche Weise entwickeln sich Sozialverhalten und Selbstgefühl? Mit Statistiken und Schaubildern kann Largo zu jedem Detail der kindlichen Entwicklung Angaben machen.

 

Aber sein Ergebnis ist immer ein Spektrum. Für Largo gibt es keine Norm. Seine Normalität heißt Vielfalt. Und die ist weniger das Ergebnis elterlichen Tun und Lassens als eine Frage von Anlage und Persönlichkeit.

 

“Ich gehe davon aus, dass das Kind sehr genau weiß, was es werden will“, sagt Largo in einem Tonfall unerschütterlicher Gewissheit. Woher er sich da so sicher sei? „Wenn Sie hinschauen – und das habe ich jetzt weiß Gott lange gemacht -, wollen sich Neugeborene, Säuglinge und dann rauf bis zum Jugendlichen, selbstbestimmt entwickeln. Wenn man sie denn lässt.“

 

Streng genommen ist der Gott der Kindererziehung nämlich kein Erziehungsberater. Man müsse das wörtlich nehmen, sagt Largo: Ziehen – wohin? „Erziehung, und das ist das fatale an der Pädagogik bis heute, ist definiert durch das Ziel. Pädagogen fragen immer: Was wollen wir für einen Menschen? Wie bringe ich das Kind dorthin? Die Pädagogen gehen nicht vom Kind aus und fragen sich, was das Kind will.“

 

Largo hingegen, der Beobachter, tut genau das. Ganz gleich ob in „Baby-“, „Kinder-“, „Schüler-“ oder „Jugendjahre“: Der Professor wollte nie Ratgeber schreiben. Er plädiert vielmehr für ein besseres Verständnis von Entwicklungsprozessen, um sich auf die Bedürfnisse des Nachwuchses einzustellen. Wer etwas weiß über die Merkmale kindlichen Schlafverhaltens, kann sich dem Rhythmus einer Nachteule anpassen. Wer kapiert hat, warum Cliquen für Jugendliche wichtig sind, geht nicht in die Luft, wenn der Teenager nach dem neuesten Handy quengelt. Und wer sein Kind generell als Persönlichkeit sieht, mit Stärken, Schwächen und anderen Besonderheiten, hört hoffentlich auf, es nach seinen Vorstellungen formen zu wollen. Die entscheidende Frage lautet: Welche Erfahrungen braucht dieses Kind? Unter welchen Bedingungen kann es sich entfalten?

Quelle: FAZ am Sonntag: LINK